Aero Chronik

Privatpilot legt eigenes Konzept für BBI-Abflugrouten vor


Die umstrittenen Vorschläge der Deutschen Flugsicherung für die Abflugrouten vom künftigen Großflughafen BBI in Schönefeld sind nach heftigen Protesten so gut wie vom Tisch. Die Fluglärmkommission diskutiert nun zahlreiche Alternativen, darunter die radikale Idee eines Brandenburger Privatpiloten.

Marcel Hoffmann saß am Frühstückstisch, als er im September vergangenen Jahres von den neuen Flugrouten erfuhr. „Ich wollte nicht glauben, was ich da auf den Karten sah“, erinnert er sich. „Die von der Südbahn nach Osten startenden Flugzeuge sollten eine Tiefflugrunde über alle Orte in der Gegend drehen.“

Zigtausend Menschen gingen seitdem auf die Straße, um gegen die Vorschläge der Deutschen Flugsicherung zu protestieren. Die Pläne sahen nach dem Start von den beiden parallel verlaufenden Bahnen aus Sicherheitsgründen ein Abknicken der Flugrouten um 15 Grad vor. Damit wären wesentlich mehr Menschen von Fluglärm betroffen als ursprünglich gedacht.

Marcel Hoffmann hängte sich ans Telefon, sprach mit Piloten und Gutachtern, recherchierte technische Details und studierte rechtliche Vorgaben. Denn er hatte eine Idee: Tausende Anwohner könnten beim Abflug Richtung Osten von der südlichen Startbahn vom Lärm verschont bleiben, wenn die Maschinen sofort nach dem Start um 90 Grad nach Süden abknicken würden. Das bringe Lärm entlang der Autobahn A 13, jedoch kaum über Ortschaften, ist Hoffmann überzeugt.

Aber geht das denn? „Es ist eine ganz gewöhnliche Kurve, ein normales Flugmanöver, wie es auch in München und Frankfurt/Main praktiziert wird“, versichert Hoffmann. Schon ab einer Flughöhe von 120 Metern, wenn sie die Hälfte der Bahn hinter sich haben, könnten die Maschinen mit dem Abbiegen beginnen. Für besonders schwere Flugzeuge wie den A 380 müsste man den Startpunkt etwas nach hinten verlegen, hat Hoffmann recherchiert.

Der Deutschen Flugsicherung ist die Idee bekannt. Offiziell lehnt die Behörde eine Stellungnahme ab. Aber hinter vorgehaltener Hand heißt es: „Das ist technisch machbar.“ Man müsse lediglich die Anflüge zum BBI etwas südlicher führen, um mit der Abflugroute nicht in Konflikte zu geraten.

Marcel Hoffmann, 60 Jahre alt und pensionierter Banker, fliegt privat eine „Peregrine“, hat also eine Affinität zur Luftfahrt. Vor 13 Jahren ist der verheiratete Vater zweier erwachsener Kinder von Köln nach Eichwalde (Dahme-Spreewald) gezogen. Hoffmann ist ein ruhiger Mensch, der jedes Wort abwägt. Bis zu seiner Pensionierung vor anderthalb Jahren war er Direktor in einem großen deutschen Bundesverband. Er weiß, dass man mit Argumenten am besten vordringt, wenn man in Konflikten moderate Töne anschlägt. „Wichtig ist, dass in der Diskussion um die Flugrouten alle miteinander im Gespräch bleiben“, betont er. Man dürfe niemand an den Pranger stellen.

Mit seiner Idee zu den Abflugrouten stand der Hobbypilot jedoch vor einem Problem. Als Privatmann hat er keinen Zugang zur Fluglärmkommission. Das Gremium aus Vertretern von 34 Kommunen sowie Experten von Behörden, Airlines und der Flughafengesellschaft, berät mit der Deutschen Flugsicherung über die Abflugrouten.

Also schrieb Marcel Hoffmann eine E-Mail an alle Mitglieder der Kommission. Seitdem ist seine Idee ein Vorschlag, der offiziell geprüft wird. „Wir waren erstaunt, wie fundiert die Pläne sind. Dem musste nichts hinzugefügt werden“, sagt Bernd Speer, Mitglied der Lärmkommission und parteiloser Bürgermeister von Eichwalde. Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) erklärte im November auf einer Protestkundgebung in Zeuthen: „Wir müssen uns anschauen, welche Möglichkeiten es gibt, unmittelbar nach dem Starten nicht in einem kleinen Winkel abzubiegen, sondern eine komplette Kurve zu machen, um die Möglichkeit zu erschließen, bewohntes Gebiet völlig zu meiden.“

Brandenburgs Verkehrsstaatssekretär Rainer Bretschneider hat ebenfalls Sympathie für die Südkurve bekundet: „Ich drücke die Daumen. Alles, was möglichst viele Menschen entlastet, ist gut.“ Parallel lässt er gerade prüfen, ob man kraft Sondergenehmigung zu den alten, nicht abknickenden Routen zurückkehren kann. Nach Ansicht der Deutschen Flugsicherung verstößt dies jedoch gegen die Vorgaben der Internationalen Luftfahrtorganisation ICAO.

Auch die „Hoffmann-Kurve“ hat einen Nachteil, wie ihr Schöpfer einräumt. Einige kleine Dörfer wie Kiekebusch oder Neu-Diepensee wären von Lärm betroffen. „Eine Strecke, auf der gar kein Haus steht, gibt es leider nicht“, weiß Hoffmann. Er verweist jedoch auf die Vorteile. Würde die Südkurve aufgrund ihres geringeren Konfliktpotenzials häufiger geflogen, könnte die nördliche Startbahn entlastet und damit der Lärm in den Berliner Stadtteilen Bohnsdorf und Müggelheim, aber auch in Erkner verringert werden.

Auch wirtschaftlich rechne sich die Südkurve, betont Hoffmann. „Die Flugstrecke nach Westen verkürzt sich um 40 Kilometer. Die Ersparnis summiert sich für die Airlines über das Jahr zu einem Millionenbetrag.“ Sprecher von Lufthansa und Airberlin lehnen einen Kommentar ab. Man beteilige sich nicht an den Flugroutendebatten. Das Ganze sei für die Airlines kein Wunschkonzert, heißt es.

Die Fluglärmkommission kommt am 14. Februar zu ihrer nächsten Sitzung zusammen. Ein Kompromiss bei den Flugrouten soll im Laufe dieses Jahres gefunden werden.

 

viamoz.de Märkische Oderzeitung: Privatpilot legt eigenes Konzept für BBI-Abflugrouten vor.

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