Aero Chronik

„Nichts ist mehr wie früher“ – ein Controller

„Der Flughafen Hamburg lässt mich nicht los“, sagt Dieter Wolf und lächelt. Niemand kann das mit solch einem Recht von sich behaupten wie der 74 Jahre alte Hamburger. Obwohl schon 1992 als Fluglotse pensioniert, ist der unermüdliche Luftfahrt-Fan noch heute als Berater für den Airport aktiv. Wolf ist der dienstälteste Mitarbeiter am ältesten deutschen Passagier-Flughafen.

Seine Berufung in Hamburg fand er über Umwege. Der gebürtige Pommer wuchs in Schacht-Audorf auf und ging 1956 zunächst nach Frankfurt/Main, um Flugloste zu werden. Als die Hochzeit anstand, zog es das Paar zurück in den Norden. 1958 landete Wolf in Fuhlsbüttel. „Nichts ist am Flughafen mehr wie früher“, sagt der Zeitzeuge ohne jeden negativen Unterton. Wie kein Zweiter hat er die vielen Veränderungen in mehr als fünf Jahrzehnten Fliegerei hautnah erlebt.

Etwa der Tower, in dem Wolf als Wachleiter der Fluglotsen einen großen Teil seines Berufslebens verbrachte. „Damals mussten wir noch in die Dunkelkammer“, erinnert er sich: ein streng abgedunkelter Raum am Fuße des Kontrollturms, in dem die Radarschirme standen. Manchen bösen Blick habe es gegeben, wenn jemand den Vorhang zu lange offen ließ, weil dann die Bilder auf den lichtschwachen Monitoren nicht zu erkennen waren.

In jenen Tagen fiel der Blick der Lotsen vom Tower noch direkt aufs Vorfeld. So genossen Wolf und Team die beste Aussicht auf all die technischen Revolutionen, die da kamen. Als er anfing, knatterten noch ausschließlich Propellermaschinen über Hamburg. 1960 landete in Fuhlsbüttel das erste Düsenflugzeug, 1970 der erste Jumbo Jet, ein Jahr später die erste Concorde.

Wolf war auch diensthabender Wachleiter, als das schwerste Unglück in der Geschichte des Flughafens geschah. Am 6. September 1971 hob eine British Aerospace One-Eleven über Norderstedt ab. „Ich hab’ gleich gesehen, dass die nicht richtig hoch kam“, erinnert sich 74-Jährige. Der Pilot schaffte eine Notlandung auf der Autobahn 7 bei Hasloh, dann aber prallte eine Tragfläche gegen einen Brückenpfeiler. 22 der 121 Insassen starben.

Wolfs große Leidenschaft galt der Schulung des Nachwuchses. Stolz sagt er: „Die 25 Kollegen, die heute als Vorfeldlotsen hier arbeiten, die habe alle ich ausgebildet.“ Und definitiv war er es auch, der seine eigenen Kinder mit dem Fliegervirus infizierte. „Die habe ich manchmal mit auf den Tower genommen. Damals ging das noch.“ Heute ist sein Ältester Flugkapitän, seine Tochter Flugbegleiterin, und sein Jüngster gestaltet die Inneneinrichtung von Jets.

In diesem Jahr wird der Pionier 75 – und dann soll wirklich endgültig Schluss sein am Airport. Sagt er. Ganz auf Flugzeuge verzichten wird und muss der nimmermüde Fuhlsbüttel-Fan aber auch dann nicht. Vor seinem Haus im Hamburger Norden hat er eine Bank genau so ausgerichtet, dass er die einschwebenden Jets beobachten kann. Dieser Mann kommt wirklich nicht los von der Fliegerei.

via„Nichts ist mehr wie früher“ – wedel-schulauer-tageblatt.de.

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